Montag, 10. Juli 2017

Manchmal.

Es gibt so Tage, die sind wie gemacht für den großen Hausmüll. Ihr wisst schon, der, aus dem die Fliegen rauskommen, wenn man die Klappe aufmacht, der nach vergammelten Essensresten und Katzenklo stinkt. Tage, die schon so anfangen, dass die Milch für den Kaffee und das Müsli fehlt, an denen man permanent einen latenten Kopfschmerz verspürt und sich am liebsten irgendwohin beamen würde, wo es so 20 Grad hat, dunkel, ruhig und weich ist. Tage, an denen man ständig auf die Uhr schaut und sich dann wundert, weshalb sich 10 Minuten anfühlen können, wie zwei Stunden. Solche Tage gibt's immer mal wieder, zumindest bei mir. Die gab es schon vor Johann, danach aber auch und die sind auch mit Selma nicht plötzlich weg. Früher hab ich dann einfach den ganzen Tag auf der Couch verbracht, nachdem ich von der Schule/Arbeit nach Hause kam. Das ist nun nicht mehr möglich und ich muss leider zugeben, ich habe bisher keine alternative Strategie gefunden, um damit umgehen zu können.

Heute ist wieder so ein Tag. Es ist noch nicht mal 14 Uhr und ich bin schon völlig geschafft, fühle mich ausgelaugt und mit einem Kind total überfordert, obwohl ich sonst Geduld für 20 Kinder habe. Dabei hat unsere Tochter es mir zumindest heute morgen leicht gemacht, denn sie hat bis um neun geschlafen und ich konnte ganz in Ruhe duschen und mich fertig machen. Trotzdem bin ich heute sofort genervt, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich es gern hätte. Kleinigkeiten reichen da schon. Dass da noch ein Baby sitzt, dass quengelig ist, bespaßt und herumgetragen werden will, macht es nicht unbedingt besser. Mir ist natürlich klar, dass sie nicht versteht, wenn ich mit ihr schimpfe. Meistens lacht sie dann sogar, weil Mama so lustig redet und ich bin insgeheim froh, dass sie es noch nicht versteht. 

Der ganze Tag ist eigentlich eine Aneinanderreihung solcher Situationen und besonders schlimm ist es, wenn ich Essen vorbereiten möchte/muss. Zum Mittag hatte ich dann heute halbrohe Bratkartoffeln und ein nach nichts schmeckendes Rührei. Den Topf mit heißem Wasser für ihren Brei hätte ich auch weg lassen können, denn für drei Löffel hat der sich jetzt auch nicht unbedingt gelohnt. Inzwischen schläft sie in der Trage. Den Versuch hatten wir vor einer Stunde schon, dabei hat sie mich aber immer wieder so in die Arme gezwickt, dass ich sie irgendwann einfach in ihr Gitterbett gesetzt habe. Durchgehalten hab ich das nicht eine Minute, weil sie mir leid tat. Stattdessen hab ich sie mit ins große Bett genommen und noch ein bisschen spielen lassen. 

Ich weiß nicht, ob das anderen (Müttern) auch so geht, dass man sich an solchen Tagen dann fragt, ob man überhaupt geeignet ist als Mutter, oder ob man hier gerade alles versaut. Ich weiß, dass das Quatsch ist, dennoch fühle ich mich schlecht. Manchmal wünsche ich mir einen Blick hinter die Fassaden von Familien, von denen ich denke, dass es da allermeistens harmonisch abläuft. Überhaupt wäre ich sehr dafür, dass einem nicht ständig überall suggeriert wird, dass immer alles nur easy peasy ist und man sein Kind die ganze Zeit verliebt anschaut. Ich fänd es schön, wenn Mütter (und auch Väter) ganz offen damit umgehen würden, dass es manchmal einfach verdammt anstrengend ist, man an seine Grenzen kommt, mal verzweifelt, mal überreagiert. 

Ein kleiner Trost bleibt mir ja: in 13 Jahren, werde ich es wahrscheinlich geballt zurück bekommen und falls man das dann hier noch lesen kann: Selma, ich hab dich trotzdem lieb! 

Dienstag, 18. April 2017

Körperliche Befindlichkeiten

Ja, ein leidiges Thema, aber es brennt mir auf der Seele und es muss raus, weil ich finde, dass zu wenig darüber gesprochen wird. Wie immer hier, einigermaßen schonungslos, denn es steht mir bis zum Doppelkinn. 

Unzählige Hormonbehandlungen und zwei Schwangerschaften später sitze ich hier, starre auf meinen Bauch und bekomme Wut. Nicht nur, dass mein Körper zu blöd war, das zu können, was für einen Frauenkörper das normalste auf der Welt ist und dafür 1000 Extraeinladungen (und mehrere 1000 Euro, aber lassen wir das!) brauchte. Offensichtlich hat er auch noch nicht bemerkt, dass ich nicht mehr im 7. Monat schwanger bin. Seltsam, ich erinnere mich nämlichen ganz gut an das Ende der Schwangerschaft! 

So. Reden wir über Zahlen: Im Vergleich zu meinem Vorschwangerschaftskörper hab ich 10 Kilo mehr drauf. Die ungefähr sieben Kilo, die ich nach der Geburt von Selma abgenommen habe, sind schon weggerechnet. Seit vier Monaten stagniert das Gewicht und ich wär ja schonmal froh, wenn vorne dran eine 5 stehen würde. Jaja, ich weiß, das liest sich wie ein astreines First World Problem. Ist es aber nicht, denn ich fühle mich furchtbar.

In mir existieren zwei Seiten. Die eine sagt: "Hey, du hast zwei Kinder innerhalb von zwei Jahren bekommen, nen Haufen Hormone geschluckt und gespritzt, musstest ein Kind zu Grabe tragen und außerdem ist die letzte Geburt erst ein halbes Jahr her. Du hast so viel geleistet, jetzt bleib doch mal entspannt, die wenigsten sehen nach einer Schwangerschaft so schnell wieder aus, als wär nix gewesen." 
Und dann kommt die andere Seite, die man mit einem Wutbürger, wie er im Buche steht, vergleichen kann, und brüllt: "Guck mal die an! Und die! Und die! Und die auch! Nach drei Wochen wieder ein flacher Bauch! Wie machen die das? Warum kannst du das nicht? Die fressen halt nicht so viel wie du! Die machen bestimmt mehr Sport, oder haben einfach Glück! Verdammte Scheiße, ich will das auch!" 

Und so sehr ich auf die erste Seite hören will, ich schaff es nicht. Ich bin (selektive Wahrnehmung?) umgeben von Frauen, die ohne etwas zu machen (oder sie geben es nicht zu, keine Ahnung) quasi noch bevor der Wochenfluss versiegt ist, einen Bauch haben, der aussieht wie meiner. Vor drei Jahren. So sehr ich mir einreden will, dass das nicht wichtig wäre, weil es nur diese verkackte sexistische Gesellschaft ist, die suggeriert, man ist nur etwas wert, wenn man in Kleidergröße 36 passt... Oder das andere Extrem, dass man seinen Körper jetzt lieben müsse, weil man ja ein Kind bekommen hat. Mein Kopf weiß, dass das Käse ist. Sogar mein Herz weiß das. Aber irgendwas in mir hadert so sehr mit der neuen Figur. Ich möchte so gern wieder in meine alten Hosen passen, nicht mehr den Bauch einziehen müssen, weil es mir peinlich ist, dass andere mich mit Baby auf dem Arm sehen und denken könnten: "Ui, schon das Nächste unterwegs, na die legt ja schnell nach!" 

Inzwischen hab ich zumindest eingesehen, dass es sinnlos ist, meinen alten Kleidungsstücken nachzutrauern und angefangen sie zu verkaufen. Und ich habe einfach fürs Gefühl zwei neue Jeans gekauft, zwei Nummern größer als früher, aber immerhin passe ich rein, es kneift nichts und es ist kein verdammter Bauchbund mehr dran, wie an den Schwangerschaftshosen, die ich auch in den letzten Wochen noch trug. 

Ach. Was ich übrigens jetzt nicht hören möchte, sind irgendwelche Floskeln, wie "Aber Hauptsache ist doch, dass es dem Kind gut geht!" Ja, natürlich ist das die Hauptsache. Es geht genau genommen auch nur dem zweiten Kind gut, das mal nebenbei. Aber ich finde, es ist auch wichtig, das eigene Wohlbefinden nicht zu ignorieren und auch mal auszusprechen, wenn das eben nicht so ist, wie einem von allen Seiten eingebläut wird, wie es zu sein hat. Ich werde weiterhin neidisch sein auf all die "Also durch's Stillen hab ich ganz schnell wieder abgenommen!" Sprüche. Aber ich seh es auch irgendwie nicht ein, jetzt in einen Fitnesswahn zu verfallen, nur noch halbe Portionen zu essen, oder gar auf mein tägliches Eis im Sommer zu verzichten. Ich finde 1-2 Sportkurse und eine völlig normale (meistens ausgewogene) Ernährung müssen reichen.  Glückwunsch an alle, die sich da krass disziplinieren können, oder einfach nur gutes Genmaterial haben! Ich habe Yoga gemacht, war schwimmen und bei fitdankbaby. Spaß gemacht hat mir alles, aber sichtbar etwas gebracht, hat es nicht. So wenig, dass ich vorgestern einfach mal gegoogelt habe, was eigentlich Fettabsaugen so kostet. 


(Falls sich hier jemand denkt, die Frau spinnt doch! Ja, wahrscheinlich. Aber Danke, ich bin ganz gut darin, mich selbst zu reflektieren, also bitte keine "gut gemeinten" küchenpsychologischen Ratschläge. Echt nicht. Ich komme sonst durch die Tastatur und beiß' euch in die Finger!)

Freitag, 24. Februar 2017

Ein paar Gedanken.

Puh, ganz schön lange her, dass hier was los war. Ich hatte mir zwischendurch immer mal vorgenommen, etwas zu schreiben, aber irgendwie kam ich dann doch nie dazu und wahrscheinlich gab es auch nicht wirklich etwas zu erzählen. Also naja, eigentlich schon eine ganze Menge über das Leben mit Kind, aber ich weiß gar nicht, ob ich das hier je zum Thema machen wollte.

Der Grund, warum ich heute etwas schreibe: Ich hatte gestern Besuch von einer Freundin und im Gespräch fragte sie mich, wie es mir eigentlich geht in Bezug auf Johann. Das kam so unvermittelt und überraschend, dass mir tatsächlich gar nichts eingefallen ist, was ich darauf hätte antworten können. Es kamen dann auch wieder andere Themen auf, aber nach dem Besuch musste ich noch sehr lange darüber nachdenken. Darüber, warum mich die Frage so überrascht hat, warum ich keine Antwort wusste und was das zu bedeuten hat. Also erstmal, bevor meine Freundin ein schlechtes Gewissen bekommt: Die Frage war total in Ordnung, keine Sorge! ;) Ich fand es dann aber doch ziemlich traurig, dass sie die Einzige war in den letzten Monaten, die mich danach gefragt hat. Das ist auch okay, ich hab ja selber manchmal das Gefühl, dass es dazu nicht mehr viel zu sagen gibt, außer dass er natürlich immer noch fehlt. Ich hab mir den Mund fusselig geredet und Knoten in die Finger getippt, hab gesagt, was ich sagen wollte und was gesagt werden musste. Die Trauer kommt inzwischen auch längst nicht mehr so heftig, wie früher. Es ist jetzt eher so, dass es so eine Grundstimmung in mir gibt, die immer da ist, vielleicht wie eine Glut, die nie ganz ausgeht. Ich muss nicht darüber nachdenken, es ist einfach da. Er ist einfach da. So wie man nicht darüber nachdenkt, dass man jetzt atmen muss, weil man das zum Leben braucht - man macht es einfach, es passiert ganz automatisch. So muss man sich das ungefähr mit Johann vorstellen. Nur selten passiert es mir noch, dass es mich überrumpelt. So wie letztens, als wir eine Serie geschaut haben und es eine Szene in einer Leichenhalle gab. Plötzlich fiel mir ein, dass Johann auch in so einen Schubfach gelegen hat und es traf mich mitten ins Herz. Diese Vorstellung, dass dieses kleine Wesen vom wärmsten Platz, direkt aus der wortwörtlichen Geborgenheit in so einen kalten, gefühllosen Ort umziehen musste, klein und winzig auf dieser Liege lag, die doch für große und alte Körper gemacht ist. Dass er allein war und ich nicht bei ihm sein konnte. 
Ja solche Momente gibt es also auch noch und die hängen mir dann auch noch einige Zeit nach. Aber sie lähmen mich nicht mehr und das ist gut.

Ich freue mich jetzt auf den Frühling, wenn wir Johanns Grab wieder ordentlich machen, wenn die Sonne wieder durch die Bäume scheint und wir ihm frische Blumen bringen können. Wenn wir wieder nachts draußen sitzen können, in den Himmel schauen und mir wieder so ist, als könnte ich ihm dadurch irgendwie näher sein.

Sonntag, 23. Oktober 2016

Selma

Einige wissen es ja schon und manche fragen sich vielleicht, warum hier in der letzten Zeit so wenig (also eigentlich ja gar nix) los ist und es gibt einen wundervollen Grund dafür, denn seit dem 16.10. ist unsere kleine Tochter Selma auf der Welt und beansprucht unsere volle Aufmerksamkeit!

Nachdem sich die letzten Wochen wie Kaugummi zogen und die Wehwehchen ständig mehr wurden, ist es letztlich doch eine Einleitung geworden. Dass ich es schaffe, sechs Tage über den Termin zu gehen, hätte ich niemals gedacht, war ich doch zu Beginn der Schwangerschaft davon überzeugt, spätestens am Termin einleiten zu lassen, aus purer Angst, auf den letzten Metern könne noch etwas schief gehen. Und es gab Momente in denen ich dachte: Holt mir jetzt das Kind hier raus, oder ich dreh durch! Trotzdem fehlte mir dann doch der Mut, es auszusprechen, wenn die Ärztin im Krankenhaus aller zwei Tage fragte, ob wir uns entschieden hätten. Und so schleppte ich mich irgendwie von Tag zu Tag, bis zum vierten Tag nach dem voraussichtlichen Entbindungstermin, als die Ärztin meinen Muttermund abtastete und sagte: "Da tut sich was! Wir sehen uns sicher heute noch wieder, spätestens morgen!" Das gab mir, zumindest an diesem Freitag, noch einen kleinen Energieschub, der sich dann am Samstag in Frust umwandelte, weil einfach nichts passierte und ich nach der Aussage noch mehr wartete. Als wir also dann am Sonntag wieder zur regulären Untersuchung ins Krankenhaus kamen, war ich genau in der richtigen Stimmung, um die Frage nach einer Einleitung zu bejahen. (Die Ärztin begrüßte uns übrigens mit den Worten: "Also meine Kollegin hätte bestimmt hundert Euro gewettet, dass Sie am Freitag wiederkommen!" - Ich sollte öfter Wettchancen nutzen!) Um 14 Uhr klingelten wir also an der Tür zu den Kreißsälen und ich kam mir ein bisschen seltsam vor bei der Vorstellung, eventuell noch am selben Tag meine Tochter im Arm halten zu können. 

Halb drei hing ich also am Wehentropf und der wirkte auch direkt. Es stellte sich nun die Frage nach Schmerzmitteln. Eine PDA kam für mich nicht in Frage, ich hatte das bei Johann als sehr unangenehm in Erinnerung. Andere Schmerzmittel hätten allerdings die Nebenwirkung gehabt, mich zu "benebeln" und da ein bewusstes Erleben der Geburt helfen kann, das erste Geburtserlebnis zu verarbeiten, konnte ich das also auch ausschließen, ließ mir aber die Option der PDA offen, denn ich wusste ja nicht, was mich noch so erwartete. Die ersten zwei Stunden hab ich als relativ harmlos in Erinnerung. Also ja, es tat schon über die Maßen weh, aber es ließ sich aushalten. Irgendwann sprengte die Hebamme die Fruchtblase und ab da wurde es richtig schlimm. Ich weiß nicht, ob tatsächlich zu diesem Zeitpunkt keine PDA mehr möglich gewesen wäre, ich hab gar nicht gefragt, weil die Vorstellung mich dafür hinzusetzen und still halten zu müssen, mich so abschreckte. Irgendwie dachte ich dann auch, da muss ich jetzt einfach durch. Eine weitere Stunde später (also gefühlt, für auf die Uhr schauen war keine Zeit) fielen die Herztöne plötzlich ab und ich hatte das Gefühl, dass es nicht mehr so recht vorwärts ging. Die Ärztin wurde dann dazu geholt und ich wusste so langsam nicht mehr, woher ich die Kraft eigentlich noch nehmen sollte. Als die Herztöne weiter abnahmen, war mein einziger Gedanke, dass mir noch ein Kind stirbt, wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße. Irgendwann war dann endlich das Köpfchen da, allerdings steckte sie mit ihren Schultern fest, was dann auch nochmal eine Menge Kraft gekostet hat. Und dann lag sie da, schreiend und wunderschön, auf meiner Brust und ich hab gar nicht richtig begreifen können, dass ich da liege, gerade ein Kind geboren habe und dass das wirklich unsere Tochter ist, dieses kleine Bündel auf mir. Alles andere, die Nachgeburt, das Nähen, passierte, ohne dass ich davon groß Notiz nahm. 

Und jetzt ist bereits eine ganze Woche vergangen. Eine Woche voller Glücksgefühle, großer Verliebtheit, Tränen, Überforderung und Schlafmangel. Eine Zeit der ersten Male. Viele erste Male liegen noch vor uns und wir freuen uns darauf, sie mit Selma erleben zu können, Johann dabei immer tief im Herzen.

Dienstag, 20. September 2016

Bald!

Seit gestern wäre unsere Tochter kein Frühchen mehr, würde sie jetzt geboren werden. Schon ein ziemlich seltsames Gefühl, ein fertiges Baby im Bauch herumzutragen, dass sich jederzeit dazu entscheiden könnte, selbigen zu verlassen. Meine Gefühle schwanken zwischen Panik, Ungeduld und totaler Neugier. Wir hatten inzwischen zwei Termine in der Klinik unserer Wahl und sind nach wie vor davon überzeugt, dass das die richtige Wahl ist, auch wenn wir eine längere Fahrt (ca. 40 Minuten) auf uns nehmen müssen. Die Ärztin mit der wir die Geburtsplanung gemacht haben, hat schon gesagt, dass sie nach unserer Vorgeschichte sehr darauf achten werden, dass die jetzige Geburt ein positives Erlebnis wird. (Also das machen sie sicher bei allen anderen werdenden Eltern auch, aber naja, ihr wisst schon!) Gestern habe ich nochmal angesprochen, dass ich mir nicht vorstellen kann, mit einer anderen Frau im Zimmer zu liegen, da ich nicht weiß, wie sich die Geburt bei mir auswirkt. Ich könnte mir nämlich durchaus vorstellen, dass es retraumatisierend sein kann. Und ich möchte einfach mit meinem Mann allein sein können, wenn uns beiden vielleicht nach all der Anspannung doch nach Heulen zumute ist. Uns wurde sofort zugesichert, dass ich ein Einzelzimmer (bzw. ein Familienzimmer) bekomme und uns wurde auch psychologische Betreuung bei Bedarf angeboten. Mir hilft das schon im Vorfeld sehr, ich hab richtig gemerkt, wie gestern eine gewisse Anspannung abfiel, allein weil ich wusste, ich muss nicht mit einer anderen Frau im Zimmer liegen und kann auf mein Tischchen ein Foto von Johann stellen, ohne dass sich davon jemand gestört fühlt.

Ansonsten tut sich hier rein gar nichts. Abgesehen von meinem Muttermund, der schon seit ein paar Wochen leicht geöffnet ist. So richtig ins Becken gerutscht ist die Kleine auch noch nicht, ich hab keine (spürbaren) Wehen und momentan auch nicht das Gefühl, es könnte ihr im Bauch bald zu eng werden. Vielmehr kommt es mir vor, als würde sie sich einfach ihren Platz machen ohne Rücksicht auf Mamas Bauchdecke, die ist ja schließlich dehnbar und da geht bestimmt auch noch was! Inzwischen hab ich dafür eine Menge (End-)Schwangerschaftsbeschwerden, die mich manchmal zum Verzweifeln bringen. Besonders das Sodbrennen ist so eine Sache. Jeden Abend vor dem Schlafen gibts für mich zwei Esslöffel trockene Haferflocken (ja, es ist so eklig, wie man es sich vorstellt!) und ein kleines Glas Milch. Das hilft manchmal, aber leider nicht immer. Um mich im Bett von einer Seite auf die andere zu drehen, brauche ich mehrere Minuten, vom Aufstehen aus dem Bett müssen wir nicht erst reden. Letztens haben meine Hüften so geschmerzt, dass ich die Schmerzen in meinen Traum eingebunden hab und letztlich davon wach wurde. Früh sind meine Finger quasi nicht beweglich, das dauert immer erstmal ne halbe Stunde, bis die Gelenke wieder funktionieren. Hin und wieder überkommt mich völlige Panik vor dem Leben mit Kind und vor allem vor den ersten Wochen. Hauptproblem: Was soll ich essen? Ja, dieses Thema zieht sich bei mir durch die Schwangerschaft wie ein roter Faden. Anfangs liefen die Tränen, weil der Kühlschrankinhalt der falsche war, jetzt laufen sie, weil ich nicht weiß, wo ich in den ersten Wochen etwas zu Essen herbekomme. (Unser Gefrierfach gibt da größentechnisch leider nicht besonders viel her, falls jetzt jemand gleich auf die Einfrier-Idee kommt.) Aber wirklich die allerallerschlimmste Schwangerschaftsnebenwirkung, die es zum Glück erst seit zwei/drei Wochen gibt, die mir aber unfassbar unangenehm ist: Käsefüße! Ich schäme mich wirklich so dafür, dass ich es erst nicht schreiben wollte. Aber ich bin ja für einen offenen Umgang mit all dem, es geht ja auch zum Glück wieder weg! Also an all die Freunde, Familienmitglieder und sonstige Personen, mit denen ich in den letzten Wochen so zu tun hatte und die sich gewundert haben: Ja, das war ich! Und ich kann euch versichern, ich habe mir kurz vorher die Füße gründlichst mit Seife gewaschen und sogar ein Fußdeo benutzt, das penetrant nach Zitrusfrüchten riecht. Es hat nichts genützt und ich entschuldige mich!

So. Und jetzt bin ich sehr gespannt, wann hier der nächste Eintrag stehen wird, denn ich denke, das wird dann der "Juhu - unsere Tochter ist da!"- Eintrag werden. Was bin ich neugierig auf dieses kleine Wesen!

Mittwoch, 31. August 2016

Endspurt.

Naja gut, noch nicht ganz. Theoretisch sind es noch 40 Tage, wenn sie zu den 2-4% der Kinder gehört, die pünktlich zum Termin kommen. Meinetwegen könnte es ruhig schon ein bisschen eher losgehen, denn, abgesehen von den körperlichen Beschwerden, merke ich auch wie so langsam meine Ängste wieder etwas zunehmen. Bei der letzten Vorsorgeuntersuchung gab es zwar keinen Grund zur Besorgnis, trotzdem steckt die Angst einfach in mir, da kann ich mir wohl noch so oft irgendwelche statistischen Fakten einreden.

Wenn man nach den letzten Messungen von Montag geht, ist die Kleine jetzt ungefähr 47 cm groß und wiegt um die 2500 Gramm. Ich finde das klingt schon ganz schön nach fertigem Baby. 47 cm war die Größe meines Mannes, als er auf die Welt kam. Auf dem Ultraschall sah sie auch schon schön babyspeckig aus, wie ein richtiges Baby eben. Was ein bisschen auffällig war, war mein Muttermund, der schon leicht geöffnet ist. Das ist allerdings auch nicht weiter tragisch, ich soll einfach ein bisschen langsam machen, langes Gehen oder Stehen vermeiden und mich immer wieder hinlegen zwischendurch. Man könnte jetzt denken, und ich denke das eigentlich auch: Juhuuuu, offizielle Gammelerlaubnis! Leider ist das nicht ganz so einfach, wenn man schon so walrossig ist, denn viele bequeme Liegepositionen gibt's nicht mehr, eigentlich nur noch zwei und die sind irgendwann auch nicht mehr bequem, weil einem irgendwann die Hüfte unheimlich schmerzt. Abgesehen davon hab ich auch mit Sodbrennen zu kämpfen und da ist Liegen eher kontraproduktiv und kann dazu führen, dass man aufwacht, weil man sich an seiner Magensäure verschluckt. Fehlt nur noch, dass ich Wasser in den Füßen und Beinen bekomme und die dann noch hochlagern muss. Dann müsste ich wohl auf der Seite in V-Form liegen, oder mich entscheiden mit welchem Wehwehchen ich eher leben kann.

Ansonsten ist hier soweit alles vorbereitet, nur ein paar Kleinigkeiten fehlen noch. Ein bisschen wirkt das alles noch wie eine Kulisse auf mich, aufgebaut um so zu tun als ob. Mir fehlt ein wenig die Vorstellungskraft dafür, dass da tatsächlich in wenigen Wochen unsere Tochter einziehen wird und dem ganzen Zeug einen Sinn gibt. Und es macht mich unheimlich nervös aus so vielen Gründen, dass ich sie unmöglich hier alle aufzählen kann. Aber ich vermute, das ist etwas, das zumindest einige Mütter von ihren ersten Kindern noch kennen dürften.

Noch kurz zum Schluss: Vielen Dank an alle, die an Johanns Todes- und Geburtstag an uns gedacht haben, Johann Geschenke gemacht haben und ihn auf dem Friedhof besucht haben. Viel größer als vor den Tagen an sich, war meine Angst, dass niemand daran denken könnte und ich bin so erleichtert, dass dem nicht so war. Das hat mir (oder uns) diese Tage nicht nur erträglich gemacht, sondern auch irgendwie schön.

Donnerstag, 18. August 2016

Ein trauriger Jahrestag.

Irgendwie ist es seltsam. Da habe ich in den letzten Wochen ganz oft an den morgigen Tag gedacht, Johanns Geburtstag, und dabei völlig vergessen, dass heute ein ebenso wichtiger Tag ist. Heute ist der Tag, an dem Johann in meinem Bauch eingeschlafen ist. Als mir das heut morgen klar wurde, musste ich erstmal ein paar Tränen vergießen. Aus Trauer, aber auch aus Ärger über mich selbst, dass mir das so untergegangen war. Heute, mit einem neuen Baby im Bauch, kommt es mir umso unvorstellbarer vor, was wir vor einem Jahr erlebt haben. Es ist ganz nah, total greifbar, aber gleichzeitig so weit weg, dass ich mich nur an wenige Dinge erinnern kann. Eines hab ich aber ganz genau im Kopf: Wie ich unter Beruhigungsmitteln in den Behandlungsraum gefahren wurde, mein Mann draußen sitzen bleiben musste und ich nur noch einen Gedanken hatte: "Wenn ich hier raus komme, ist Johann tot!" 

Dass die Entscheidung damals die richtige war, ist mir immer noch klar. Dass eine richtige Entscheidung sich dennoch so falsch und schmerzhaft anfühlen kann, hätte ich nie für möglich gehalten. Unvorstellbar sich dafür zu entscheiden, dass das geliebte Wunschkind sterben soll. Sterben, weil die Alternative ein Leben voll von Schmerz und Leid gewesen wäre, ein Leben, das so oder so viel zu schnell wieder vorbei gewesen wäre, ein Leben, dass das Wort nicht wert gewesen wäre, so schlimm wie klingt. 

Wenn ich mir heute ein Leben mit Johann vorstelle, ist er nicht krank. Er lacht, tobt, lernt wie alle anderen Kinder auch. Er ist glücklich, manchmal traurig oder wütend, hin und wieder tut ihm etwas weh. Aber nie, niemals muss er leiden. Fieber- und Hustensaft, ein Pflaster, tröstende Worte und Umarmungen machen alles wieder gut. Ich weiß, so wäre es nie gekommen, aber das Bild gefällt mir und ich möchte es behalten, genauso wie die Vorstellung, dass er ein ziemlich frecher Junge geworden wäre, mit einem Lachen, das ansteckt, so herzlich,  dass einem warm ums Herz wird. Und wenn ich mir die Fotos von ihm anschaue, kann ich es deutlich sehen. Ich weiß, er wäre so geworden, hätte es diese furchtbare Krankeit nicht gegeben.