Ich kann nicht gerade sagen, dass der November jemals mein Lieblingsmonat gewesen wäre. Eher im Gegenteil. Hätte man mich jemals nach meinem unbeliebtesten Monat gefragt, hätte ich mit Sicherheit den November genannt. Kurzzeitig hatte er tatsächlich mal die Chance, doch der allertollste Monat des Jahres zu werden, aber dann kam ja alles anders und nun ist der November wieder das, was er früher einmal war: ein grauer, kalter Begleiter. Ein bisschen grauer und kälter noch als vorher.
Letzte Woche Mittwoch wäre ja nicht nur Johanns Geburtstermin gewesen. Ich hatte auch einen Termin im Kinderwunschzentrum. Große Hoffnung hatte ich nicht, denn bei dem Termin wenige Tage vorher war die Schleimhaut überhaupt nicht aufgebaut. Kurzer Exkurs in die Gynäkologie: Die Schleimhaut ist das, was sich in der ersten Zyklushälfte in der Gebärmutter aufbaut und wo sich, wenn alles gut geht, die befruchtete Eizelle einnisten sollte. Passiert das nicht, bekommt man dann irgendwann seine Tage und es wird rausgeblutet. Also wo keine (oder kaum) Schleimhaut vorhanden ist, kann sich auch nichts einnisten. Ich bin also am Mittwoch zum Ultraschall gegangen, der festen Überzeugung, dass sich da nichts weiter getan hat. Aber anscheinend wollte mir Johann dann doch eine kleine Freude machen, denn da war tatsächlich etwas gewachsen und ich sollte am Freitag wiederkommen. Lange Rede, kurzer Sinn: Am Freitag haben wir den Behandlungsplan erstellt und es kann nun tatsächlich schon wieder losgehen. Die Spritze zum Auslösen den Eisprungs hab ich mir bereits am Sonntagabend gesetzt und am 23.11. werden früh zwei von unseren eingefrorenen befruchteten Eizellen aufgetaut und mir 11.30 Uhr eingesetzt. So weit der Plan.
Gefühlsmäßig dreht sich mir jetzt schon wieder alles um. Ich freu mich und gleichzeitig hab ich Angst. Ich weiß, dass es absolut gar nichts heißen muss, einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand zu halten. Ich stehe jetzt wieder ganz am Anfang und ich kann die vielen kleinen Hürden schon vor mir sehen: die Einnistung, der Test, der erste Ultraschall, der Herzschlag, der nächste Ultraschall, die Fruchtwasseruntersuchung, die zwölfte Woche, das Organscreenig,... Bis zu welcher Hürde geht es gut? Schaff ich die Erste überhaupt?
Ich versuche gelassen ranzugehen und zu denken, dass wir das alles schon irgendwie schaffen werden. Jetzt kann uns nichts mehr schocken, wir haben ja schon das Schlimmste erlebt, was man in der Beziehung erleben kann. Aber eins weiß ich eben auch: man ist nicht davor gefeit, dass es nochmal passiert. Wie sagt man so schön: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.
Aber wir haben ja jetzt auch etwas, was wir vorher nicht hatten: einen kleinen Schutzengel, der auf uns aufpasst.
Dienstag, 17. November 2015
Mittwoch, 11. November 2015
Kleiner Rumpelwicht,
heute wäre dein Tag gewesen. Ungefähr. Vielleicht wärst du auch schon seit ein paar Tagen bei uns oder würdest noch auf dich warten lassen. Aber ich weiß es nicht, also wird es für uns immer der 11.11. bleiben. Und anstatt dich im Arm zu halten, sitz ich im Wartezimmer des Kinderwunschzentrums und hoffe, dass mir dieser Tag doch ein kleines bisschen Glück bringt und wir grünes Licht bekommen für einen nächsten Versuch.
Ich lag in den letzten Wochen oft nachts wach und habe nach Worten gesucht, die das Gefühl beschreiben, sein Kind zu verlieren noch bevor es überhaupt eine Chance auf ein richtiges Leben hatte. Es ist ungefähr so, als hätte man mir ein lebenswichtiges Organ entnommen und es durch einen tonnenschweren schwarzen Klumpen ersetzt, aus dem ab und zu tausende Rasierklingen rausschießen. Er macht mich gleichzeitig schwer und leer. Und weil das Organ lebenswichtig war, warte ich irgendwie darauf, dass es irgendwann nicht mehr geht, dass es vorbei ist, dass ich nicht mehr leben kann, weil das die logische Konsequenz wäre.
Aber ich lebe. Und ich versuche mich irgendwie da durch zu wurschteln. Mal geht es besser und mal schlechter.
Vor wenigen Tagen hat eine Freundin nach einem Foto von Johann gefragt, sie hätte gern eins für Ihre Fotowand. Ich hab gesagt: "Klar, gerne, das ist lieb!" Und sie antwortete mit einer Selbstverständlichkeit: "Na klar, ich hab dort Fotos von allen Kindern, Johann gehört doch mit dazu!" Das war so schön, dass mir direkt wieder die Tränen kommen, wenn ich drüber nachdenke.
Ja, Johann, du gehörst mit dazu. Für immer! Ich werde mir jeden Tag vorstellen, wie es wäre, wärst du bei uns. Wie du uns zum Lachen bringen würdest, uns um den Schlaf bringen (okay, das machst du auch so ziemlich gut), unsere und deine eigenen Grenzen austesten würdest.
Letztens bin ich im Garten ausgerutscht und hingefallen. Ich konnte dich kichern hören. Das war schön!
Ich lag in den letzten Wochen oft nachts wach und habe nach Worten gesucht, die das Gefühl beschreiben, sein Kind zu verlieren noch bevor es überhaupt eine Chance auf ein richtiges Leben hatte. Es ist ungefähr so, als hätte man mir ein lebenswichtiges Organ entnommen und es durch einen tonnenschweren schwarzen Klumpen ersetzt, aus dem ab und zu tausende Rasierklingen rausschießen. Er macht mich gleichzeitig schwer und leer. Und weil das Organ lebenswichtig war, warte ich irgendwie darauf, dass es irgendwann nicht mehr geht, dass es vorbei ist, dass ich nicht mehr leben kann, weil das die logische Konsequenz wäre.
Aber ich lebe. Und ich versuche mich irgendwie da durch zu wurschteln. Mal geht es besser und mal schlechter.
Vor wenigen Tagen hat eine Freundin nach einem Foto von Johann gefragt, sie hätte gern eins für Ihre Fotowand. Ich hab gesagt: "Klar, gerne, das ist lieb!" Und sie antwortete mit einer Selbstverständlichkeit: "Na klar, ich hab dort Fotos von allen Kindern, Johann gehört doch mit dazu!" Das war so schön, dass mir direkt wieder die Tränen kommen, wenn ich drüber nachdenke.
Ja, Johann, du gehörst mit dazu. Für immer! Ich werde mir jeden Tag vorstellen, wie es wäre, wärst du bei uns. Wie du uns zum Lachen bringen würdest, uns um den Schlaf bringen (okay, das machst du auch so ziemlich gut), unsere und deine eigenen Grenzen austesten würdest.
Letztens bin ich im Garten ausgerutscht und hingefallen. Ich konnte dich kichern hören. Das war schön!
Donnerstag, 5. November 2015
Nachtrag.
Ja, mein letzter Eintrag war hart. Und ganz sicher habe ich damit Menschen vor den Kopf gestoßen. Ob mir das leid tut oder nicht, überleg ich mir noch. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle etwas klarstellen:
Dieser Blog ist sehr persönlich und ich teile ihn nicht nur mit Freunden und Familie, sondern auch mit fremden Menschen. Es ist für mich eine Art Tagebuch und diejenigen, die selbst schon mal ein Tagebuch geführt haben, wissen vielleicht, dass man dort einfach alles reinschreibt, was einen bedrückt, glücklich oder traurig macht oder eben auch: wütend.
Bisher habe ich davon abgesehen, hier von ganz bestimmten Situationen und Menschen zu schreiben, weil ich niemandem zu nahe treten möchte. Im letzten Beitrag habe ich diese "Regel" gebrochen, nicht um jemandem damit weh zu tun, sondern um mich zu entlasten. Ich habe ihn geschrieben am Tag nach dem Familienfeier-Erlebnis, die Wut war also noch sehr frisch.
Ich muss dazu sagen, dass ich mir bereits in den Tagen vor der Feier unheimlich viele Gedanken gemacht habe, wie und ob ich diesen Abend einigermaßen überstehe. Ich wusste ja, dass ich das erste Mal direkt mit einer Schwangerschaft konfrontiert sein werde und wenn ich ehrlich bin, hatte ich große Angst davor. Momentan ist die Trauer sehr schlimm, da nun Johanns Geburtsmonat wäre und mir immer bewusster wird, was uns fehlt, was wir niemals haben werden. (Hier geht es im Speziellen um Johann, nicht darum überhaupt irgendwann ein gesundes Kind zu haben!) Da ich mich ja aber trotzdem auf das Zusammentreffen mit unserer Familie gefreut habe, (ja, auch auf meine Schwägerin, auf sie sogar besonders!) bin ich trotzdem hingegangen. Mit Bauchschmerzen zwar, aber ich dachte, ich schaff das schon irgendwie und habe meine ganze Kraft zusammengenommen. Und ich hatte mich tatsächlich gut geschlagen bis zu dem Moment, als besagte Freundin auftauchte. Plötzlich war einfach alles anders. Es war wie ein ganz persönlicher Angriff in einer Zone, in der ich mich eigentlich geschützt fühlte, nämlich in meiner Familie. Wenn ich mich nicht mal dort sicher fühlen kann, wo denn sonst?
Der Abend war tatsächlich einer der schlimmsten seit der schrecklichen Diagnose. Selbst am Tag der Beerdigung habe mich mich in keiner Minute so verletzt, traurig und wütend gefühlt und es ist so, als hätte dieser Abend ein noch tieferes Tief eingeläutet, als ich es bisher kannte. Ich möchte mich irgendwo eingraben und erst wieder aufwachen, wenn es vorbei ist. Mir fehlt jegliche Motivation, ich frage mich, für was ich am Morgen eigentlich noch aufstehe. Und trotzdem ziehen die Tage im Schnelldurchlauf vorbei.
Ja, es tut mir auch sehr leid für alle, die mit uns leiden. Aber ich habe keine Kraft, mir darüber Gedanken zu machen. Vielleicht ist das egoistisch, das mag sein, aber das hier ist eine Situation, in der man ruhig mal nur an sich denken kann, finde ich. Wir haben unser Kind verloren. Niemand, der das nicht erlebt hat, kann nachvollziehen welche Gefühle und Gedanken uns permanent begleiten, wie man gebeutelt von Emotionen, die man vorher nicht kannte, hilflos dasteht und sich fragt, ob das überhaupt jemals ein Ende haben wird. Und insgeheim zu wissen: es wird kein Ende haben. Es wird vielleicht weniger und anders. Aber die Lücke bleibt und das fiese Gefühl, dass da noch jemand bei uns sein sollte.
Die Welt dreht sich für alle weiter, das ist klar. Nur unsere ist ins Schlingern geraten, dreht sich mal schnell, mal langsam, mal gar nicht, vor und zurück. Ich weiß nicht, wie lange das dauert, bis sie sich wieder nur nach vorn dreht und sich das Tempo wieder anpasst. Wir müssen uns nichts vormachen: es geht uns schlecht. Auch wenn wir manchmal lachen, Späße machen uns eigentlich ganz normal verhalten. Das ist eher der zwanghafte Versuch wieder ein bisschen Normalität ins Leben zu bringen, die Kontrolle wieder zu übernehmen. Dass es hier dann vielleicht auch mal unangenehme Worte zu lesen gibt, liegt wohl in der Natur der Sache. Ich kann nicht immer stark sein, ich möchte nichts beschönigen, denn manchmal ist es einfach eklig, schlimm und bösartig.
Trotzdem möchte ich diesen Beitrag nicht so negativ beenden und auch etwas ansprechen, was mich abgesehen von Johann, täglich beschäftigt. Anfang Oktober hatte ich ja den Nachsorgetermin bei meiner Frauenärztin und kurz darauf im Kinderwunschzentrum. Ich habe einen Streifen der Pille bekommen, um meinen Zyklus wieder einzupegeln. Morgen ist bereits der zehnte Zyklustag und wir haben wieder einen Termin im Kinderwunschzentrum. Wenn wir ganz großes Glück haben und der Ultraschall morgen zeigt, dass mein Körper wieder bereit wäre für einen nächsten Versuch, dann wäre es möglich, dass dieser schon nächste Woche starten könnte. Für mich wäre das etwas sehr Besonderes, da Johanns eigentlicher Geburtstermin nächste Woche wäre und ich somit vielleicht die Chance haben werde, an diesem Tag (in dieser Woche) nicht nur die Trauer zu sehen, sondern auch die Hoffnung.
Dieser Blog ist sehr persönlich und ich teile ihn nicht nur mit Freunden und Familie, sondern auch mit fremden Menschen. Es ist für mich eine Art Tagebuch und diejenigen, die selbst schon mal ein Tagebuch geführt haben, wissen vielleicht, dass man dort einfach alles reinschreibt, was einen bedrückt, glücklich oder traurig macht oder eben auch: wütend.
Bisher habe ich davon abgesehen, hier von ganz bestimmten Situationen und Menschen zu schreiben, weil ich niemandem zu nahe treten möchte. Im letzten Beitrag habe ich diese "Regel" gebrochen, nicht um jemandem damit weh zu tun, sondern um mich zu entlasten. Ich habe ihn geschrieben am Tag nach dem Familienfeier-Erlebnis, die Wut war also noch sehr frisch.
Ich muss dazu sagen, dass ich mir bereits in den Tagen vor der Feier unheimlich viele Gedanken gemacht habe, wie und ob ich diesen Abend einigermaßen überstehe. Ich wusste ja, dass ich das erste Mal direkt mit einer Schwangerschaft konfrontiert sein werde und wenn ich ehrlich bin, hatte ich große Angst davor. Momentan ist die Trauer sehr schlimm, da nun Johanns Geburtsmonat wäre und mir immer bewusster wird, was uns fehlt, was wir niemals haben werden. (Hier geht es im Speziellen um Johann, nicht darum überhaupt irgendwann ein gesundes Kind zu haben!) Da ich mich ja aber trotzdem auf das Zusammentreffen mit unserer Familie gefreut habe, (ja, auch auf meine Schwägerin, auf sie sogar besonders!) bin ich trotzdem hingegangen. Mit Bauchschmerzen zwar, aber ich dachte, ich schaff das schon irgendwie und habe meine ganze Kraft zusammengenommen. Und ich hatte mich tatsächlich gut geschlagen bis zu dem Moment, als besagte Freundin auftauchte. Plötzlich war einfach alles anders. Es war wie ein ganz persönlicher Angriff in einer Zone, in der ich mich eigentlich geschützt fühlte, nämlich in meiner Familie. Wenn ich mich nicht mal dort sicher fühlen kann, wo denn sonst?
Der Abend war tatsächlich einer der schlimmsten seit der schrecklichen Diagnose. Selbst am Tag der Beerdigung habe mich mich in keiner Minute so verletzt, traurig und wütend gefühlt und es ist so, als hätte dieser Abend ein noch tieferes Tief eingeläutet, als ich es bisher kannte. Ich möchte mich irgendwo eingraben und erst wieder aufwachen, wenn es vorbei ist. Mir fehlt jegliche Motivation, ich frage mich, für was ich am Morgen eigentlich noch aufstehe. Und trotzdem ziehen die Tage im Schnelldurchlauf vorbei.
Ja, es tut mir auch sehr leid für alle, die mit uns leiden. Aber ich habe keine Kraft, mir darüber Gedanken zu machen. Vielleicht ist das egoistisch, das mag sein, aber das hier ist eine Situation, in der man ruhig mal nur an sich denken kann, finde ich. Wir haben unser Kind verloren. Niemand, der das nicht erlebt hat, kann nachvollziehen welche Gefühle und Gedanken uns permanent begleiten, wie man gebeutelt von Emotionen, die man vorher nicht kannte, hilflos dasteht und sich fragt, ob das überhaupt jemals ein Ende haben wird. Und insgeheim zu wissen: es wird kein Ende haben. Es wird vielleicht weniger und anders. Aber die Lücke bleibt und das fiese Gefühl, dass da noch jemand bei uns sein sollte.
Die Welt dreht sich für alle weiter, das ist klar. Nur unsere ist ins Schlingern geraten, dreht sich mal schnell, mal langsam, mal gar nicht, vor und zurück. Ich weiß nicht, wie lange das dauert, bis sie sich wieder nur nach vorn dreht und sich das Tempo wieder anpasst. Wir müssen uns nichts vormachen: es geht uns schlecht. Auch wenn wir manchmal lachen, Späße machen uns eigentlich ganz normal verhalten. Das ist eher der zwanghafte Versuch wieder ein bisschen Normalität ins Leben zu bringen, die Kontrolle wieder zu übernehmen. Dass es hier dann vielleicht auch mal unangenehme Worte zu lesen gibt, liegt wohl in der Natur der Sache. Ich kann nicht immer stark sein, ich möchte nichts beschönigen, denn manchmal ist es einfach eklig, schlimm und bösartig.
Trotzdem möchte ich diesen Beitrag nicht so negativ beenden und auch etwas ansprechen, was mich abgesehen von Johann, täglich beschäftigt. Anfang Oktober hatte ich ja den Nachsorgetermin bei meiner Frauenärztin und kurz darauf im Kinderwunschzentrum. Ich habe einen Streifen der Pille bekommen, um meinen Zyklus wieder einzupegeln. Morgen ist bereits der zehnte Zyklustag und wir haben wieder einen Termin im Kinderwunschzentrum. Wenn wir ganz großes Glück haben und der Ultraschall morgen zeigt, dass mein Körper wieder bereit wäre für einen nächsten Versuch, dann wäre es möglich, dass dieser schon nächste Woche starten könnte. Für mich wäre das etwas sehr Besonderes, da Johanns eigentlicher Geburtstermin nächste Woche wäre und ich somit vielleicht die Chance haben werde, an diesem Tag (in dieser Woche) nicht nur die Trauer zu sehen, sondern auch die Hoffnung.
Samstag, 31. Oktober 2015
Test
1. Sie sind mit Ihrem einjährigen Kind einkaufen und treffen ein befreundetes Paar, das, wie Sie wissen, vor wenigen Wochen ihr Kind verloren hat. Sie haben sich bisher noch nicht bei dem Paar gemeldet. Wie reagieren sie?
a) Es ist mir unangenehm. Ich grüße das Paar, spreche mein Beileid aus und frage, wie es ihnen geht und gebe zu, dass es mir schwer fällt, mit der Situation umzugehen.
(10 Punkte)
(10 Punkte)
b) Ich hoffe, Sie haben mich noch nicht gesehen und gehe schnell weiter. Später schreibe ich eine SMS und drücke mein Beileid aus.
(5 Punkte)
(5 Punkte)
c) Ich sage kurz, dass es mir leid tut, frage wie es ihnen geht, um dann nach einer kurzen Antwort von meiner Elternzeit und dem Leben mit Kind zu schwärmen.
(0 Punkte)
(0 Punkte)
2. Sie sind hochschwanger und möchte gerne eine Freundin (ebenfalls schwanger) besuchen, die sie lange nicht gesehen haben und die gerade auf einer Familienfeier in Ihrer Stadt ist. Sie sind nicht eingeladen und wissen auch, dass auf der Feier die Schwägerin ihrer Freundin und ihr Mann sind, deren Kind vor wenigen Wochen verstorben ist. Was machen Sie?
a) Da ich mir vorstellen kann, dass die Situation für die verwaisten Eltern schon schwer genug ist und sie an dem Abend schon mit ihrer schwangeren Schwägerin konfrontiert sein werden, frage ich meine Freundin, ob wir uns einen Tag später treffen können.
(10 Punkte)
(10 Punkte)
b) Ich frage meine Freundin rechtzeitig vorher, ob es für alle ok wäre, wenn ich vorbei kommen würde und mache von der Antwort abhängig, ob ich bei der Feier vorbeischaue.
(5 Punkte)
(5 Punkte)
c) Ich schreibe meiner Freundin eine SMS, bevor ich mich vauf den Weg mache. Gut gelaunt tauche ich zehn Minuten später auf der Feier auf und begrüße das verwaiste Elternpaar als wäre nichts gewesen. Als ich kurz darauf bemerke, dass das Paar die Geburtstagsfeier ihrer (Schwieger)Mutter verlassen hat, weil die Frau weinend zusammengebrochen ist, bleibe ich trotzdem noch eine Stunde und mache mir eine schöne Zeit. Das Paar ist ja jetzt eh weg, da kann ich auch bleiben. War ja keine Absicht. Kann ich ja nicht wissen, dass die das noch so mitnimmt.
(0 Punkte)
Auswertung:
15-20 Punkte: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein sehr empathischer Mensch, der auf seine Mitmenschen eingehen kann und auch in schwierigen Situationen beweist, dass sein Herz am rechten Fleck sitzt. Selbst, wenn Sie eigentlich sprachlos sind, können Sie sich das eingestehen. Seien Sie sicher, dass dies sehr geschätzt wird!
5-10 Punkte: Sie gehen unangenehmen Situationen gerne aus dem Weg, weil Sie sich unsicher fühlen. Das ist im Grunde kein Problem, da sich wohl die meisten Menschen in solchen Situationen unwohl fühlen und Angst haben, etwas falsch zu machen. Meistens hilft es, wenn man einfach nachfragt oder mal darüber nachdenkt, was man sich selbst in solch einer Situation wünschen würde. Keine Angst, Sie sind auf dem richtigen Weg!
0-5 Punkte: Empathie ist bei Ihnen Fehlanzeige. Ob Sie anderen Menschen mit Ihrem Verhalten weh tun, interessiert Sie nicht. Was kümmert Sie fremdes Elend? Also ja, es tut Ihnen schon irgendwie leid, aber wenn man darüber zu viel nachdenkt, bekommt man ja nur schlechte Laune. Umgangssprachlich nennt man das auch "Arschloch". Bleibt nur zu hoffen, dass Sie nicht selbst einmal auf das Mitgefühl anderer Menschen angewiesen sind und dann nur auf welche treffen, die wie Sie handeln.
Samstag, 24. Oktober 2015
Vier mal Johann.
Viel ist ja nicht geblieben an Erinnerungen. Und das Problem, was ich mit den wenigen Erinnerungen habe, ist, dass ich sie nicht zusammenfügen kann zu einem Bild von unserem Sohn.
Einerseits wären da die Ultraschallbilder und Videosequenzen. Je nachdem aus welcher Schwangerschaftswoche die stammen, sieht Johann da mehr oder weniger aus, wie ein Alien. Auf den Aktuellsten, etwas verschwommen, dann doch wie ein richtiges Baby, mit einem süßen Gesicht, dass eine Schnute zieht. Auf den Videos bewegt er sich, spielt mit der Nabelschnur und steckt seine Füße in den Mund. Er lebt.
Die zweite Seite, die ich von Johann kennenlernen durfte, ist die als "Bauchbewohner". Ich mag das Wort nicht, aber das beschreibt es nun mal am Besten. Trotz der vielen Ultraschallaufnahmen hatte Johann in meinem Bauch nie ein Gesicht für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er wirklich aussah und habe schon während der Schwangerschaft nicht wirklich begriffen, dass das Baby auf den Bildern auch das in meinem Bauch ist. Davon abgesehen, dass ich eh nicht wusste, wie genau diese Aufnahmen sind. Das war mir auch nicht wichtig. Wichtig war, er hat sich bewegt, hat auf uns reagiert, konnte manche Dinge gut leiden (Vorlesen) und manche Dinge gar nicht (wenn ich auf der rechten Seite lag, das CTG). Und er war frech, das war mir klar, denn er war ja unser Junge. Irgendwie war es ein erstes Kennenlernen. Eine Art Blind Date, bei dem man schon vor dem ersten Aufeinandertreffen weiß: Der ist es!
Als Johann auf die Welt kam, ist das dritte Bild von ihm entstanden. Er sah ganz anders aus, als ich dachte, viel unfertiger als auf den eine Woche alten Ultraschallbildern. Dünner. Leblos. Schön war er dennoch, keine Frage. Ich hab versucht, alles aufzusaugen. Im Nachhinein ärgere ich mich über ein paar Dinge. Dass ich mich nicht getraut habe, ihn aus dem Körbchen zu nehmen, auszuziehen und richtig zu bestaunen und im Arm zu halten. Er lag nie nackt auf meiner Brust, es war immer etwas dazwischen. Die Begründung kommt mir inzwischen sehr lächerlich vor: Ich hatte Angst, etwas kaputt zu machen, ihm wehzutun. Angst, dass er frieren könnte, wenn ich ihn ausziehe. Das Einzige, was mir so richtig in Erinnerung geblieben ist, was sich förmlich eingebrannt hat (und hoffentlich für immer bleibt), ist seine kleine, weiche, kühle Hand in meiner. Mit winzig kleinen Fingernägeln und kleinen Fältchen, die ich fühlen konnte, als ich sie geküsst habe. Und obwohl er direkt vor mir lag, hat er schon gefehlt. Er war da und war gleichzeitig nicht da. Ich wollte ihn festhalten und niemals wieder loslassen, obwohl er längst woanders war. Er und die ganze Situation waren ganz anders, als ich sie mir vorher vorgestellt habe.
Die vielen Fotos, die an dem Tag entstanden sind, sind eine visuelle Erinnerung. Sie kommen dem am nächsten, was wir am Tag von Johanns Geburt gesehen und erlebt haben. Wenn ich ihn darauf sehe, überkommt mich immer sofort das Bedürfnis, ihn zwischen Nasenflügel und Auge zu Küssen. Ich weiß nicht warum ausgerechnet an der Stelle, vielleicht liegt es an der Perpektive mancher Fotos. Manchmal entdecke ich Neues auf den Bildern. Manchmal sieht er müde aus, manchmal lächelt er und manchmal sieht er aus, als hätte er gerade etwas ausgeheckt. Dabei weiß ich, dass er eigentlich gar keinen Gesichtausdruck haben kann. Ich weiß gar nicht, wie er ausgesehen hätte, hätte er gelächelt, wäre er müde oder schelmisch gewesen.
All diese Bilder und Vorstellungen bekomme ich nicht zusammen zu einem Bild, einem Eindruck von Johann. Entweder lebt er und ich seh ihn nur verschwommen oder gar nicht, oder er ist tot und sieht aus, wie er aussieht. Irgendwas fühlt sich an den Erinnerungen immer falsch an. Woran soll ich mich also erinnern?
Einerseits wären da die Ultraschallbilder und Videosequenzen. Je nachdem aus welcher Schwangerschaftswoche die stammen, sieht Johann da mehr oder weniger aus, wie ein Alien. Auf den Aktuellsten, etwas verschwommen, dann doch wie ein richtiges Baby, mit einem süßen Gesicht, dass eine Schnute zieht. Auf den Videos bewegt er sich, spielt mit der Nabelschnur und steckt seine Füße in den Mund. Er lebt.
Die zweite Seite, die ich von Johann kennenlernen durfte, ist die als "Bauchbewohner". Ich mag das Wort nicht, aber das beschreibt es nun mal am Besten. Trotz der vielen Ultraschallaufnahmen hatte Johann in meinem Bauch nie ein Gesicht für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er wirklich aussah und habe schon während der Schwangerschaft nicht wirklich begriffen, dass das Baby auf den Bildern auch das in meinem Bauch ist. Davon abgesehen, dass ich eh nicht wusste, wie genau diese Aufnahmen sind. Das war mir auch nicht wichtig. Wichtig war, er hat sich bewegt, hat auf uns reagiert, konnte manche Dinge gut leiden (Vorlesen) und manche Dinge gar nicht (wenn ich auf der rechten Seite lag, das CTG). Und er war frech, das war mir klar, denn er war ja unser Junge. Irgendwie war es ein erstes Kennenlernen. Eine Art Blind Date, bei dem man schon vor dem ersten Aufeinandertreffen weiß: Der ist es!
Als Johann auf die Welt kam, ist das dritte Bild von ihm entstanden. Er sah ganz anders aus, als ich dachte, viel unfertiger als auf den eine Woche alten Ultraschallbildern. Dünner. Leblos. Schön war er dennoch, keine Frage. Ich hab versucht, alles aufzusaugen. Im Nachhinein ärgere ich mich über ein paar Dinge. Dass ich mich nicht getraut habe, ihn aus dem Körbchen zu nehmen, auszuziehen und richtig zu bestaunen und im Arm zu halten. Er lag nie nackt auf meiner Brust, es war immer etwas dazwischen. Die Begründung kommt mir inzwischen sehr lächerlich vor: Ich hatte Angst, etwas kaputt zu machen, ihm wehzutun. Angst, dass er frieren könnte, wenn ich ihn ausziehe. Das Einzige, was mir so richtig in Erinnerung geblieben ist, was sich förmlich eingebrannt hat (und hoffentlich für immer bleibt), ist seine kleine, weiche, kühle Hand in meiner. Mit winzig kleinen Fingernägeln und kleinen Fältchen, die ich fühlen konnte, als ich sie geküsst habe. Und obwohl er direkt vor mir lag, hat er schon gefehlt. Er war da und war gleichzeitig nicht da. Ich wollte ihn festhalten und niemals wieder loslassen, obwohl er längst woanders war. Er und die ganze Situation waren ganz anders, als ich sie mir vorher vorgestellt habe.
Die vielen Fotos, die an dem Tag entstanden sind, sind eine visuelle Erinnerung. Sie kommen dem am nächsten, was wir am Tag von Johanns Geburt gesehen und erlebt haben. Wenn ich ihn darauf sehe, überkommt mich immer sofort das Bedürfnis, ihn zwischen Nasenflügel und Auge zu Küssen. Ich weiß nicht warum ausgerechnet an der Stelle, vielleicht liegt es an der Perpektive mancher Fotos. Manchmal entdecke ich Neues auf den Bildern. Manchmal sieht er müde aus, manchmal lächelt er und manchmal sieht er aus, als hätte er gerade etwas ausgeheckt. Dabei weiß ich, dass er eigentlich gar keinen Gesichtausdruck haben kann. Ich weiß gar nicht, wie er ausgesehen hätte, hätte er gelächelt, wäre er müde oder schelmisch gewesen.
All diese Bilder und Vorstellungen bekomme ich nicht zusammen zu einem Bild, einem Eindruck von Johann. Entweder lebt er und ich seh ihn nur verschwommen oder gar nicht, oder er ist tot und sieht aus, wie er aussieht. Irgendwas fühlt sich an den Erinnerungen immer falsch an. Woran soll ich mich also erinnern?
Montag, 5. Oktober 2015
Die Zeit.
Sechs Wochen und fünf Tage ist die Geburt nun her und ich weiß überhaupt nicht, wie die Zeit so schnell vergehen konnte. Ähnlich lang ist die Zeit bis zum errechneten Geburtstermin und ich merke jetzt schon, wie groß meine Angst vor dem November ist und vor den Wochen danach. Weihnachten und so. Das Fest der Liebe. Und der Familie. Ich möchte kotzen!
Momentan bin ich ganz empfindlich, was Babybäuche angeht. Am Liebsten würd ich keine sehen wollen und deshalb fallen sie mir besonders auf. Dann denk ich gleich dran, wie groß mein Bauch jetzt wäre und dass ich stattdessen einen leeren Schwabbel vor mir hertrage. Wenn ich irgendwo Mamas mit Bauch sehe, die sich mit Dingen fürs Baby eindecken, denke ich zynisch: "Na, wart's mal ab! Da kann noch viel passieren!", und fühl mich im nächsten Moment echt schäbig, weil ich es gerade niemandem gönnen kann. Ich befürchte, ich kann das erst, wenn ich selbst wieder schwanger bin. Wobei, einer Person gönne ich es tatsächlich von Herzen, sogar jetzt, weil ich um die schwierige Vorgeschichte weiß. Es ist schlimm, dass ich da so unterscheide, das passiert nicht bewusst. Es ist einfach so und wahrscheinlich ist es auch völlig normal.
Aber kommen wir noch mal zurück zur Zeit. Wahrscheinlich rast sie so, weil ich so abgelenkt bin. Die Flüchtlingshilfe nimmt viel Zeit in Anspruch, wenn es auch manchmal nur gedanklich ist. Und dann sind da noch diverse Arzttermine und der Rückbildungskurs. Einerseits tut mir so ein gewisses Maß an Alltag ganz gut. Andererseits denk ich manchmal auch: Es ist sechs Wochen her, dass dein Kind gestorben ist, du MUSST jetzt keinen Alltag haben! Du solltest (könntest?) den ganzen Tag auf der Couch rumliegen, heulen und dir jeden Tag Pizza bestellen!
Gestern gab es drei Stunden, in denen ich überhaupt nicht an Johann gedacht habe. In dem Moment tat mir das gut, ich war sogar fast ein wenig ausgelassen. Abends hat es sich dann gerächt. Ich war jähzornig, traurig, überfordert mit Allem und gemein. Einschlafen konnte ich nicht, weil die Tränen nicht aufhören wollten, mir aus den Augen zu schießen. Es hat ewig gedauert, bis ich mich wieder beruhigen konnte.
Das Schlimme an der Sache ist: je mehr normalen Alltag ich lebe, umso mehr erwarten Andere von mir. Das ist zumindest meine große Angst, denn ich merke, wie ich es von mir selbst erwarte. Ich weiß, dass mein Umfeld (zumindest, was den Großteil des Freundeskreises und meine Familie angeht) mich niemals unter Druck setzen würde. Trotzdem schleichen sich bei mir solche Gedanken ein, wie: "Die Flüchtlingskinder kannst du betreuen, aber arbeiten willst du noch nicht gehen!" Arbeiten ist ja sowieso bis Dezember erst einmal kein Thema. Aber ich habe wirklich Angst vor dem Tag, an dem der Mutterschutz endet, weil ich nicht weiß, ob ich mir selbst eine weitere Schonfrist (ohne ein schlechtes Gewissen) zugestehen kann. Ich habe Angst, dass man (ja, wer eigentlich?) denken könnte, dass ich mich doch ganz normal verhalte, da könnte ich doch auch wieder arbeiten gehen, denn ich habe es ja offensichtlich überwunden. Angst, dass man mir meine Trauer einfach nicht ansieht und mir deshalb zu viel zumutet. Und "man" schließt in dem Fall mich selbst nicht aus. Ich weiß einfach gar nicht, wie ich mich fühle und was ich kann. Oft merk ich erst hinterher, wie sehr mich etwas angestrengt hat.
Ich schiebe seit zwei Wochen Treffen mit Freundinnen vor mir her. Ich will mich unbedingt mit ihnen treffen, aber ich schaff es nicht und dass sie immer zu mir kommen, will ich ihnen nicht zumuten, obwohl sie es ohne zu zögern tun würden.
Es ist eine seltsame Zeit. Manchmal denk ich, mein Kopf platzt gleich, weil so viele Gedanken darin sind und manchmal fühlt er sich an, als wäre darin nichts als ein kleiner Strohballen namens Johann, der vom Wind vorsichtig durch die Wüste gepustet wird.
Momentan bin ich ganz empfindlich, was Babybäuche angeht. Am Liebsten würd ich keine sehen wollen und deshalb fallen sie mir besonders auf. Dann denk ich gleich dran, wie groß mein Bauch jetzt wäre und dass ich stattdessen einen leeren Schwabbel vor mir hertrage. Wenn ich irgendwo Mamas mit Bauch sehe, die sich mit Dingen fürs Baby eindecken, denke ich zynisch: "Na, wart's mal ab! Da kann noch viel passieren!", und fühl mich im nächsten Moment echt schäbig, weil ich es gerade niemandem gönnen kann. Ich befürchte, ich kann das erst, wenn ich selbst wieder schwanger bin. Wobei, einer Person gönne ich es tatsächlich von Herzen, sogar jetzt, weil ich um die schwierige Vorgeschichte weiß. Es ist schlimm, dass ich da so unterscheide, das passiert nicht bewusst. Es ist einfach so und wahrscheinlich ist es auch völlig normal.
Aber kommen wir noch mal zurück zur Zeit. Wahrscheinlich rast sie so, weil ich so abgelenkt bin. Die Flüchtlingshilfe nimmt viel Zeit in Anspruch, wenn es auch manchmal nur gedanklich ist. Und dann sind da noch diverse Arzttermine und der Rückbildungskurs. Einerseits tut mir so ein gewisses Maß an Alltag ganz gut. Andererseits denk ich manchmal auch: Es ist sechs Wochen her, dass dein Kind gestorben ist, du MUSST jetzt keinen Alltag haben! Du solltest (könntest?) den ganzen Tag auf der Couch rumliegen, heulen und dir jeden Tag Pizza bestellen!
Gestern gab es drei Stunden, in denen ich überhaupt nicht an Johann gedacht habe. In dem Moment tat mir das gut, ich war sogar fast ein wenig ausgelassen. Abends hat es sich dann gerächt. Ich war jähzornig, traurig, überfordert mit Allem und gemein. Einschlafen konnte ich nicht, weil die Tränen nicht aufhören wollten, mir aus den Augen zu schießen. Es hat ewig gedauert, bis ich mich wieder beruhigen konnte.
Das Schlimme an der Sache ist: je mehr normalen Alltag ich lebe, umso mehr erwarten Andere von mir. Das ist zumindest meine große Angst, denn ich merke, wie ich es von mir selbst erwarte. Ich weiß, dass mein Umfeld (zumindest, was den Großteil des Freundeskreises und meine Familie angeht) mich niemals unter Druck setzen würde. Trotzdem schleichen sich bei mir solche Gedanken ein, wie: "Die Flüchtlingskinder kannst du betreuen, aber arbeiten willst du noch nicht gehen!" Arbeiten ist ja sowieso bis Dezember erst einmal kein Thema. Aber ich habe wirklich Angst vor dem Tag, an dem der Mutterschutz endet, weil ich nicht weiß, ob ich mir selbst eine weitere Schonfrist (ohne ein schlechtes Gewissen) zugestehen kann. Ich habe Angst, dass man (ja, wer eigentlich?) denken könnte, dass ich mich doch ganz normal verhalte, da könnte ich doch auch wieder arbeiten gehen, denn ich habe es ja offensichtlich überwunden. Angst, dass man mir meine Trauer einfach nicht ansieht und mir deshalb zu viel zumutet. Und "man" schließt in dem Fall mich selbst nicht aus. Ich weiß einfach gar nicht, wie ich mich fühle und was ich kann. Oft merk ich erst hinterher, wie sehr mich etwas angestrengt hat.
Ich schiebe seit zwei Wochen Treffen mit Freundinnen vor mir her. Ich will mich unbedingt mit ihnen treffen, aber ich schaff es nicht und dass sie immer zu mir kommen, will ich ihnen nicht zumuten, obwohl sie es ohne zu zögern tun würden.
Es ist eine seltsame Zeit. Manchmal denk ich, mein Kopf platzt gleich, weil so viele Gedanken darin sind und manchmal fühlt er sich an, als wäre darin nichts als ein kleiner Strohballen namens Johann, der vom Wind vorsichtig durch die Wüste gepustet wird.
Donnerstag, 1. Oktober 2015
Liste 2.
Meine zweite Liste ist eine Ansammlung von Fragen, die ich Johann gerne stellen würde. Die Liste bekommt bestimmt eine Fortsetzung, weil mir ständig neue Fragen einfallen. Hier sind aber die, die mir am meisten auf der Seele brennen:
Geht es dir gut?
Findest du, dass wir uns richtig entschieden haben?
Kannst du uns verzeihen?
Hattest du Schmerzen?
Wie ist Sterben?
Wo bist du?
Bist du dort allein, oder hast du schon Freunde/einen Teil deiner Urgroßeltern kennengelernt?
Kannst du uns sehen?
Immer?
Kannst du uns gut leiden oder findest du uns manchmal doof?
Kannst du uns Zeichen geben?
Siehst du die Kerze, die jede Nacht von unserem Garten aus leuchtet?
Weißt du, ob/wann du ein Geschwisterchen bekommst? Kennst du es vielleicht sogar schon?
Ist es okay für dich, wenn wir jetzt schon an ein Geschwisterchen denken?
Wie war es in meinem Bauch?
Was hat dir in deinem kleinen Leben am Besten gefallen und was überhaupt nicht?
Wie hat dir deine Feier gefallen?
Wie gefällt dir dein Grab?
Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen?
Fehlen wir dir auch so sehr, wie du uns?
Kannst du unsere Gedanken lesen?
Gibt es bei dir Berge und Schnee und warst du schonmal Snowboarden? (Papa wieder!)
Machen die Miezen manchmal Dummheiten, wenn wir nicht zuhause sind?
Gefällt es dir, wenn ich im Garten Seifenblase für dich mache?
...
Geht es dir gut?
Findest du, dass wir uns richtig entschieden haben?
Kannst du uns verzeihen?
Hattest du Schmerzen?
Wie ist Sterben?
Wo bist du?
Bist du dort allein, oder hast du schon Freunde/einen Teil deiner Urgroßeltern kennengelernt?
Kannst du uns sehen?
Immer?
Kannst du uns gut leiden oder findest du uns manchmal doof?
Kannst du uns Zeichen geben?
Siehst du die Kerze, die jede Nacht von unserem Garten aus leuchtet?
Weißt du, ob/wann du ein Geschwisterchen bekommst? Kennst du es vielleicht sogar schon?
Ist es okay für dich, wenn wir jetzt schon an ein Geschwisterchen denken?
Wie war es in meinem Bauch?
Was hat dir in deinem kleinen Leben am Besten gefallen und was überhaupt nicht?
Wie hat dir deine Feier gefallen?
Wie gefällt dir dein Grab?
Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir wünschen?
Fehlen wir dir auch so sehr, wie du uns?
Kannst du unsere Gedanken lesen?
Gibt es bei dir Berge und Schnee und warst du schonmal Snowboarden? (Papa wieder!)
Machen die Miezen manchmal Dummheiten, wenn wir nicht zuhause sind?
Gefällt es dir, wenn ich im Garten Seifenblase für dich mache?
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