Mittwoch, 9. September 2015

Johanns Tag

Am Sonntagabend, als wir mit meiner Schwester, ihrem Freund und einer guten Freundin in der Küche saßen und Bier tranken, konnte ich mir noch ganz gut vorstellen, dass wir einfach nur Besuch haben und einen schönen Abend verbringen. Sogar die Nacht war ganz okay, aber das lag wahrscheinlich auch am Bier.

Dass es am Montag den ganzen Tag regnen sollte, war uns ja schon bekannt. Als dann aber früh der Luftballon-Mann anrief und uns darüber informierte, dass die bei Regen gar nicht steigen und ob er überhaupt kommen sollte, war ich dann doch kurz vorm Eskalieren. Jede Wetter-App prognostizierte etwas Anderes, aber wir entschieden uns trotzdem dafür, dass er die Ballons erstmal bringen sollte, immerhin würde ja auch eine Zeitspanne von fünf bis zehn Minuten ohne Regen ausreichen. In dem Moment wurde mir aber schon bewusst, wie schlimm es um mein Nervenkostüm bestellt war und ich befürchtete, es könnte reißen, sollte noch eine Hiobsbotschaft hinzukommen.

Gegen elf Uhr fuhren wir in den Erlebnisgarten, in dem die Feier stattfinden sollte, um noch ein paar letzte Vorbereitungen zu treffen, die wir am Sonntag nicht geschafft hatten. Unter Anderem mussten wir dazu auch in den Blumenladen, um Blumen für die Vasen auf den Tischen zu besorgen. Allerdings gefielen mir die meisten Blumen nicht, weshalb ich dann zielstrebig auf eine Vase zulief, in der ein paar hübsche Zweige standen, an denen rote Früchten hingen. Auf dem Schild stand "Hypericum". Als mein Mann die Floristin fragte, welche Pflanze das ist und ihre Antwort "Das ist Johanniskraut.", war, habe ich gar nicht verstanden, weshalb mein Mann und meine Freundin so reagieren. Ich dachte, es hätte etwas mit der beruhigenden Wirkung von Johanniskraut zu tun. Erst im Auto fiel es mir auf. JOHANNiskraut! Ich bin bestimmt kein Mensch der an Zeichen glaubt, aber das war schon ein bisschen seltsam und zumindest für mich ein bisschen mehr als purer Zufall.

Kurz nach 13 Uhr kamen wir dann auf dem Friedhof an. Als wir den kurzen Weg zur Andachtshalle liefen, fühlte ich mich für kurze Zeit zwei Jahre zurückgeworfen, als ein Freund beerdigt wurde. Ich hatte sofort das Bild im Kopf, wie seine Eltern da standen, ein Häufchen Elend, gebrochene Menschen. Ein Anblick, der mich bis heute verfolgt. Nun wäre ich also selbst so ein Anblick. Mir kamen die Tränen, aber ich konnte sie gerade noch so zurückhalten, gab es doch noch einige Dinge zu besprechen, die den Ablauf der Feier betrafen. 

Es war ein komisches Gefühl die Halle zu betreten, den Sarg stehen zu sehen. Lange hielt ich den Anblick nicht aus, ich musste raus, die Gäste begrüßen, mit einigen kurz reden, einen Pappkarton zum Auto bringen - alles war mir lieber, als in diesem Raum zu stehen. Und während ich draußen stand, meine Mama mir einen Bachblüten-Bonbon zur Beruhigung in die Hand drückte und ich mich darüber freute, dass alle, die zugesagt hatten, auch kamen, kam plötzlich die Sonne raus. Ich hatte an dem Vormittag ja schon viele Wettervorhersagen gesehen, aber von Sonne war da nirgendwo die Rede. Als die Trauerfeier losging, schien sie immernoch durch die Fenster und ich saß da, war unendlich traurig und gleichzeitig so glücklich. Ich war glücklich, weil wir Johann bei uns haben durften, glücklich über die Beziehung zu meinem Mann, glücklich über unsere lieben Familien und Freunde und glücklich, dass in diesem Moment die Sonne für (oder von?) Johann schien. 

Die Trauerrede war wunderschön, voller Liebe und sie machte Mut. Es gab einen Punkt, an dem ich sehr weinen musste. das war nachdem unser Brief an Johann vorgelesen wurde und die Musik zu spielen begann. Unser Freund, der die Trauerrede hielt, meinte hinterher zu meinem Mann, dass ich sehr viel gefasster gewirkt hätte, als mein Mann. Dabei war ich einfach nur so zuversichtlich, dass es Johann gut geht, dort wo er jetzt ist. Und dass die Liebe uns für immer verbindet. Ich konnte seine Anwesenheit fühlen, ich bin mir ganz sicher. Das hat mir Mut gemacht und Kraft gegeben.

Den Trauerzug führten mein Mann und ich an. Er trug den kleinen Sarg, ich Johanns Köfferchen. Einen Teil des Weges flog ein weißer Schmetterling vor uns her und als er nicht mehr zu sehen war, war es ein kleiner Spatz. Und es ist so schön, wenn man glauben kann, dass das kleine Zeichen sind. Man nimmt seine Umwelt ganz anders war, achtet auf Kleinigkeiten und sieht sie überall.

Eine meiner größten Befürchtungen war, dass es schwer werden könnte nach der Trauerfeier die Kurve zu kriegen zum "leichten" Fest im Erlebnisgarten. Aber selbst das klappte gut. Es war, als hätten alle Gäste die Trauer auf dem Friedhof gelassen und nur die positiven Gedanken mitgenommen. Die Sonne schien auch weiterhin, so dass wir die Luftballons mit den Wünschen dran losschicken konnten. Einer der vielen schönen Momente an diesem Tag. 
Was mir während des Festes sehr oft erzählt wurde: Als unser Brief vorgelesen wurde und zu der Stelle kam, dass wir Johann nun auf andere Weise sehen, unter Anderem in den "ersten Sonnenstrahlen nach einer grauen Regenzeit", haben alle Gäste nach oben in die Sonne geschaut und gelächelt. Vielleicht war das also für manche Gäste ein ebenso magischer Moment, wie für mich.

Ich denke, dass Johann dieser Tag gefallen hat, besonders die vielen bunten Ballons, mit den lieben Gedanken und Wünschen dran. Uns hat der Tag gut getan und wir haben uns über jeden einzelnen Gast gefreut, der unseren kleinen Sohn mit uns gefeiert hat! Schön, dass ihr alle da wart, auch die, die nur gedanklich bei uns sein konnten! Und wir möchten uns auch bei denen bedanken, die diese Feier überhaupt möglich gemacht haben. Sei es durch Sach- oder Geldspenden, helfende Hände, liebe Worte und Gesten und überhaupt: Ihr seid alle toll!

In der Familie haben wir beschlossen, nun jedes Jahr am Wochenende nach Johanns Geburtstag im Erlebnisgarten ein (Spät-)Sommerfest zu machen. Vielleicht wird es einfach zu einer schönen Tradition, gemeinsam mit lieben Menschen einen tollen Tag zu verbringen. Es würde uns freuen und Johann bestimmt auch.




Montag, 7. September 2015

Liebster kleiner Johann,

nun ist es also soweit, wir müssen Abschied nehmen. Abschied nehmen, obwohl wir nicht einmal die Gelegenheit hatten, uns richtig kennenzulernen.

Sechs Jahre haben wir auf dich gewartet. Und auch, wenn deine Zeit bei uns viel zu kurz war, hat sich das Warten gelohnt. Du warst immer unser Wunschkind, unser Wunder und wirst es immer bleiben.

Ja, es schmerzt, dich so zeitig gehen zu lassen, aber gleichzeitig macht es uns unendlich glücklich, dass wir überhaupt Zeit mit dir verbringen durften, unserem kleinen, perfekten Jungen. Niemals hätten wir erwartet, dass Liebe so stark sein kann. Für dich müsste man das Wort ganz neu definieren.

Johann, wir haben uns nie gegen dein Leben entschieden. Wir haben uns für dein Leben entschieden. Für ein sehr kurzes, aber dafür eines ohne Angst, Schmerz und Qualen. Diese Entscheidung wird uns nun ein Leben lang begleiten, so wie auch du für immer zu uns gehören wirst. Du bist unser Kind, wir sind deine Eltern. Daran wird sich nichts ändern, nur weil du nicht mehr unter uns weilst. Wir sehen dich nun auf eine andere Weise:
Jeder Windzug an einem heißen Sommertag, der erste Sonnenstrahl nach einer grauen Regenzeit, die ersten Schneeflocken, die funkelnden Sterne und jeder Schmetterling - in all diesen Dingen sehen wir dich!

Bestimmt findest du schnell Freunde dort wo du jetzt bist! Kinder, denen es ähnlich ging wie dir. Sicher spielt und tobt ihr zusammen und ab und zu kommt eine Mama oder ein Papa, um sein Kind abzuholen. Irgendwann wird auch einer von uns kommen und dich abholen. Vielleicht sagst du dann: "Ach man, ich wollte noch ein bisschen spielen..." 
Fast so wie in einem richtigen Kindergarten.

Lieber Johann, vielleicht warst du schon immer mehr Engel, als Menschenkind. Vielleicht können wir stolz sein, einen Engel bei uns gehabt zu haben. Und das sind wir auch. Wir sind unendlich stolz auf dich!

Und eines steht fest: jedes noch so kleine Glück, das uns ab jetzt widerfährt, kommt von dir!

Nun wünschen wir dir eine gute Reise und hoffen, hin und wieder ein Zeichen von dir zu erhalten.
Du wirst uns fehlen!

In Liebe,
Mama und Papa

Sonntag, 6. September 2015

Eine große Tüte gemischte Gefühle zum Mitnehmen bitte!

Die ganze Zeit war das eher so eine rein theoretische Sache. Ein bisschen einladen, ein bisschen Grabstelle aussuchen, ein bisschen planen, basteln und ein paar Dinge besorgen. Mein Mann hat mir gestern von der Grabsteinsetzung ein Foto geschickt. Im Mittelpunkt der wunderschöne Grabstein. Rechts daneben ein paar Bretter und unter den Brettern eine Grube. Ich kann den Grabstein gar nicht anschauen, ich seh nur die Bretter und denke: "Da drunter kommt morgen mein Kind!", und ich werde panisch. Das findet alles wirklich statt, das war gar kein was-wäre-wenn-Spiel.

Gleichzeitig freue ich mich aber auch. Darauf, dass viele liebe Menschen da sein werden, dass wir Johann zusammen feiern und dass es, trotz Mistwetter (hoffentlich) eine hübsche Feier wird.

Und dann bekomme ich doch wieder Angst. Reichen die Getränke? Kommen auch wirklich alle, die zugesagt haben? Vielleicht ist die Wiese ja total matschig durch den Regen, dass wir dort gar nichts aufstellen können? Passen alle in den Pavillon? Und ich seh mich schon wegen jeder Kleinigkeit, die vielleicht nicht so klappt wie ich mir das vorgestellt habe, vollkommen ausflippen, wie eine Dreijährige an der Supermarktkasse.

Und ich hab auch Angst, dass ich nicht damit umgehen kann, was die Leute vielleicht zu mir sagen werden. Ich möchte nicht hören, dass das schon für irgendwas gut war. Oder dass wir ja einfach schnell ein neues Kind machen können, wir haben doch noch eingefrorene Eizellen. Einfach nur drücken und "Es tut mir leid!", das wäre schön. Es gibt sowieso keine tröstenden Worte. Mit denen ist es so, wie mit einem Gemälde das eigentlich shcon fertig ist. Je mehr man da noch drin rum malt, um es besser zu machen, umso größer ist die Gefahr, es dann doch zu versauen.

Irgendwie ist das eh alles ganz seltsam. Leute, mit denen ich jahrelang kaum Kontakt hatte, sogar Leute die ich überhaupt nicht kenne, bieten mir ihre Hilfe an, spenden uns Geld, schicken Blumen und selbstgenähte Kuscheltiere, schreiben Briefe an Johann, zünden Kerzen für ihn an. Das ist unglaublich! Das Gegenteil gibts leider auch. Dass von Menschen einfach gar nichts kommt, von denen man das eigentlich aber schon irgendwie erwartet hätte, weil man sie zu seinen Freunden gezählt hat. Aber wahrscheinlich ist es so, wie meine Frauenärztin vor ein paar Tagen gesagt hat: dass man als betroffenes Paar eigentlich erwartet, dass von den Mitmenschen etwas kommt, dass man sich dann aber doch oft einfach selbst zucken muss, weil die Sprachlosigkeit zu groß ist. Es ist einfach nicht vorgesehen, dass die Kinder vor den Eltern gehen, damit können die Wenigsten umgehen. 

Aber ich kann ja auch einfach sagen, was ich mir wünsche: Ich wünsche mir, dass man nach Johann fragt. Dass man mir am besten alle Fragen stellt, die man hat, auch wenn man sich das nicht traut. Dass man fragt, ob man die Fotos von ihm sehen darf. Dass man aber trotzdem keine Angst davor hat, uns zum Lachen zu bringen oder mit uns über ganz banale, alltägliche Dinge zu sprechen. Ich wünsche mir, dass mit Johann umgegangen wird, wie mit jedem anderen Kind, dass er einfach zu uns gehört und das für immer. Wir haben ein Kind. Man kann es nicht sehen, aber wir sind Eltern geworden und wie alle anderen Eltern reden wir gerne über unser Kind und zeigen gerne Fotos von ihm. Und so wie andere Eltern ihre Kinder lieben, lieben wir Johann. 

Dienstag, 25. August 2015

Der Dursthunger.

Eine Woche ist es jetzt schon her, dass Johann eingeschlafen ist. Unvorstellbar, dass danach wirklich Zeit vergangen ist. Ich frag mich wie das sein kann, wo doch jemand Essentielles in der Welt fehlt?

Wir lenken uns irgendwie ab. Mit der Planung der Beerdigung zum Beispiel. Das klappt ganz gut, ich  bin im Bastelfieber: Malen, Schneiden, Schreiben, Kleben,... Und zwischendrin mal eine neue Kerze anzünden, weil die alte schon wieder runtergebrannt ist.

Ich hab oft Hunger oder Durst, dann ess ich was und trink was. Aber irgendwie hilft das nicht. Dann merk ich, es ist Johann der fehlt. Ein Dursthunger, der sich niemals stillen lässt. Manchmal schau ich die Fotos an und denke, er lächelt. Oder sieht er doch eher traurig aus? Ist er vielleicht doch enttäuscht, dass wir ihn so schnell aufgegeben haben? Aber nein, es war die richtige Entscheidung, dieses "Leben" hätte er nicht gewollt, ganz bestimmt nicht. 

Es gibt solche Tage und solche, das hab ich schnell gemerkt. An manchen Tagen halte ich nicht mal die Frage aus, ob ich beim Vorbereiten des Essens mithelfen kann und eine Möhre schäle. Das ist zu viel, das kann ich nicht. Ich kann doch jetzt nicht einfach eine Möhre schälen, ich hab gerade mein Kind verloren! 
An anderen Tagen halte ich es sogar aus, mit dem Bestatter über die Beerdigung zu reden, danach noch im Bastelladen einkaufen zu gehen, Menschen zu treffen, mich zu unterhalten und ihnen zuzuhören. Wenn ich dann nach hause komme, fühle ich mich, als wäre ich eine Woche durchgängig arbeiten gewesen. 

Wie es mir körperlich geht, wurde ich jetzt öfters gefragt. Körperlich? Wieso? Achso, ja, da war doch was! Ich kann mich gar nicht mehr so richtig daran erinnern, es ist, als wäre nie etwas gewesen. Ich könnte die Schmerzen nun nicht mehr beschreiben. Ich weiß noch, dass ich mich ausgeliefert gefühlt habe, aber selbst dieses Gefühl verschwindet immer mehr. Mein Mann sagt, ich hätte ihn währenddessen oft voller Angst angeschaut, mit einem flehenden Blick, aber ich wäre ja auch völlig zugedröhnt gewesen. Dieser Blick, das hätte ihm am meisten weh getan. Und dabei hat er Tränen in den Augen. 

Am 7.9. wird die Beerdigung sein. Ich weiß noch nicht, wie ich diesen Tag überstehen soll. Wir wünschen uns eine schöne, bunte Feier für Johann. Und ich habe ein bisschen Angst, dass ich vor lauter Trauer gar nicht schön und bunt sein kann. Aber zumindest an diesem einen Tag möchte ich es sein. Für Johann, weil er auch ein Grund zur Freude ist.

Donnerstag, 20. August 2015

Johann.

Wir sind wieder zu hause. Nichts ist mehr, wie es war. Es ist seltsam, leer und kalt.

Vor zwei Tagen wurde mir früh eine Beruhigungstablette gegeben, bevor ich in die Ambulanz der Gynäkologie gebracht wurde. Ich erinnere mich noch, dass mein Mann zwar mitkommen durfte, aber dann trotzdem im Wartebereich bleiben musste. Ich erinnere mich auch noch, wie ich von meinem Bett auf die Behandlungsliege umgezogen bin, mich die Ärztin aus der Praxis für Pränataldiagnostik und der Oberarzt der Geburtshilfe begrüßt und mir gut zugeredet haben. Dann wurde mir irgendwas gespritzt und ich konnte noch denken, dass Johann und ich gemeinsam einschlafen, dann war ich weg. Auch an die Zeit nach dem Aufwachen kann ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Mein Mann erzählte mir dann, dass mein Kreislauf abgesackt ist und ich noch ein bisschen überwacht werden musste. Wir hatten dann noch zwei Stunden für uns (abgesehen von der permanenten Kreislaufüberwachung) bevor ich die ersten Tabletten zum Anregen der Wehen bekam. Im Nachhinein erinnere ich mich an den ganzen Tag nur wenig, abgesehen vom völlig verschwunden Zeitgefühl. Ich weiß nur, dass ich mich teilweise gefühlt habe, als wäre ich ein Eimer für Sondermüll, so wie die Medikamente in mich reingeschoben wurden. Irgendwann gegen Abend bekam ich dann Unterleibsschmerzen, die auch schnell ziemlich heftig wurden, allerdings keine Wehen waren. Nach dem ersten Schmerzmittel wurde es tatsächlich mal kurzzeitig besser, um dann hinterher noch schlimmer zu werden. Ich wurde das erste Mal in Richtung Kreißsaal gebracht, dort von der Hebamme untersucht und gleich wieder zurück aufs Zimmer geschickt, da der Muttermund noch komplett zu war. Allerdings bekam ich von ihr auch ein stärkeres Schmerzmittel gespritzt, schon mit der Vorwarnung, dass das den Kreislauf ziemlich durcheinander bringen kann. Das Mittelchen hielt, was es versprach. Ich verbrachte die nächste Stunde in einer Art relativ schmerzfreiem Dämmerzustand mit mehrmaligem Übergeben. Als die Schmerzen danach wieder schlimmer wurden,  kamen wir wieder in den Kreißsaal, auch diesmal war der Muttermund noch fast zu (übrigens: Muttermunduntersuchungen sind ätzend!!!), allerdings bekam ich dann eine PDA. Vor der hatte ich schon vorher Angst, mir ist das nicht geheuer, dass mir jemand eine Kanüle ins Rückenmark legt. Es war auch wirklich nicht schön. Aber was danach kam, war umso schöner: völlige Schmerzfreiheit die ganze Nacht. So konnte ich immerhin ein paar Stunden durchschlafen und ein wenig Kraft tanken für den nächsten Tag.

Nachdem dann am Morgen klar war, dass die Tabletten, die ich aller vier Stunden nehmen musste, nicht so richtig anschlagen und die Hebamme prognostizierte, dass noch "eine Menge Arbeit" vor uns liegen würde, wurde der Oberarzt dazu geholt, der dann entschied, etwas stärkere Geschütze aufzufahren, um das Ganze mal zum Abschluss zu bringen. Mir wurde etwas gespritzt, dass das Gewebe locker machen sollte, ich bekam noch eine PDA und gleichzeitig kam ich an den Wehentropf. Das war dann sozusagen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Innerhalb einer Stunde war der Muttermund dann endlich geöffnet.

Und dann war er da. Winzig klein und zerbrechlich, mit allem dran, was dran sein muss. Unschuldig sah er aus, so schutzbedürftig und wunderschön. Unser Sohn. Johann. Und obwohl ich wusste, dass das nur ein kurzer Besuch bei uns ist: ich hätte in dem Moment mit keiner anderen Frau tauschen wollen, ich wollte nur ihn, er war perfekt! Wir durften ihn erstmal eine Weile bei uns behalten, ihn festhalten und bestaunen, bevor er dann von der Hebamme gewaschen, gemessen, gewogen, angezogen und uns wiedergebracht wurde, in einem kleinen Körbchen, eingewickelt in die Decke, die ihm von seiner Oma gestrickt wurde.

Eine Ausschabung blieb mir zum Glück erspart, weshalb wir dann auch relativ schnell wieder in unser Zimmer durften. Vorher wurde mir nahegelegt, dass ich Johann doch bitte zudecken soll, wegen der anderen Frauen. Am liebsten hätte ich alle angebrüllt, dass ich aber genauso stolz bin auf unser Kind, und die anderen Frauen ihre Babys doch auch nicht zudecken aus Rücksicht auf mich. Dass es sowas eben auch gibt und ich nicht vorhabe, mein kleines Baby zu verstecken. Aber ich hatte keine Kraft mehr und wollte einfach nur meine Ruhe. (Außerdem, damit hier kein falscher Eindruck entsteht, muss ich sagen, dass wir uns trotzdem sehr gut aufgehoben gefühlt haben. Alle waren total mitfühlend, von der Schwesternschülerin über die Hebamme(n) bis zum Oberarzt, der extra nach Dienstschluss nochmal zu uns kam, um sich zu vergewissern, dass wir die Geburt gut überstanden haben.)

Wir hatten einen schönen Nachmittag mit Johann. Erst war der Fotograf da, der das wirklich unheimlich toll gemacht hat, sich ganz viel Zeit genommen und auch Fragen zu Johann gestellt hat. Wir hätten uns keinen besseren Fotograf vorstellen können für ihn. Danach kamen unsere Familien zu Besuch und der Pfarrer, der Johann in einer kurzen, aber schönen Zeremonie segnete. Ein unheimlich friedlicher Moment. Alle hatten kleine Geschenke für Johann mit. Ein kleines Köfferchen für seine Reise, mit Spielzeug und einem selbstgemalten Bild von seinem Cousin, ein kleines Kuscheltier, Blumen, ein Brief, ein kleines Kreuz. Das alles wird Johann auf seine Reise mitnehmen. 

Nachdem die Familie sich verabschiedet hatte, hatten wir noch zwei Stunden mit ihm allein. Wir haben ihm beide nochmal vorgelesen, seine Spieluhr gemeinsam angehört, seine kleinen kühlen Händchen gehalten, ihn geküsst und verabschiedet, um ihn dann der Hebamme zu übergeben, die ihn sehr liebevoll abgeholt hat und mit ihm gesprochen hat, als wäre er ein Baby und nicht, als wäre er ein totes Baby. Seine Kerze brannte die ganze Nacht in unserem Zimmer und es war eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf. Als wir heute morgen entlassen wurden und das Krankenhaus verließen, hatte ich ein komisches Gefühl. Das Gefühl, ich würde mein Kind alleine lassen in diesen kalten und sterilen Räumen. Auf dem Weg nach hause wurde meinem Mann und mir wohl das erste Mal schmerzlich bewusst, was da jetzt eigentlich passiert war in den letzten Tagen und Wochen. Und als wir die erste Trauerkarte im Briefkasten hatten, war klar, dass das alles kein schlechter Traum war. Dass diese Karte für unseren Sohn ist.

Die Fotos auf meinem Handy kann ich mir nur unter Tränen anschauen. Niemals werde ich das Gefühl vergessen, Johanns kleine, kalte Hand zu halten mit den winzigen Fingern dran. Er wird immer ein Teil von uns bleiben und ab heute wird jede Nacht eine Kerze für ihn brennen. 

Kleiner, perfekter Johann.

Montag, 17. August 2015

Wie es uns geht.

Ja, da sitzen wir nun. Wir hören dem Regen zu und freuen uns irgendwie, dass sich das Wetter ein bisschen unserer Gemütslage anpasst. Der Tag heute war anstrengend. Wir hatten kaum geschlafen, mussten zeitig aufstehen und wussten nicht so recht, was uns jetzt eigentlich erwartet. Zuerst waren wir noch einmal in der Praxis für Pränataldiagnostik und hatten dort ein sehr tolles Gespräch mit der Therapeutin. Wir dachten nämlich schon, wir sind irgendwie verrückt oder vollkommen gefühlskalt, weil wir den Eindruck haben, alle anderen trauern mehr als wir. Aber das scheint wohl ziemlich normal zu sein. Wir funktionieren gerade, weil wir es müssen. Wir sind stark, weil wir die Kraft für hinterher brauchen. Wenn das dann alles sackt und wir verstehen, was da gerade mit uns passiert ist. 

Uns ist auch aufgefallen, dass alle auf die wir treffen unheimlich behutsam sind, ganz ruhig mit uns sprechen und aber keiner fragt, wie es uns geht, weil alle die vermeintliche Antwort schon kennen. Natürlich geht es uns schlecht, wozu also nachfragen? Umso schöner fanden wir heute das Treffen mit dem Fotografen, der heute extra nochmal ins Krankenhaus kam, damit wir uns schonmal kennenlernen konnten, weil er das auch zum ersten Mal macht. Der hat nämlich gefragt, wie es uns geht. (Und wahrscheinlich im selben Augenblick noch gedacht, es wäre eine blöde Frage) Aber wir haben gesagt, dass es uns ganz gut geht und das war nichtmal gelogen. Wir wurden hier wirklich sehr freundlich aufgenommen, alles wird so gemacht, wie wir es gerne hätten und ja, wir haben uns. Und den kleinen Rumpelwicht natürlich. Der tapferste von uns Dreien! 

Die Angst ist da, bei mir besonders. Ich dachte heute schon bei der Kanüle, dass ich es nicht aushalte. Morgen, wenn unser kleiner Junge einschläft, werde ich unter Beruhigungsmitteln stehen und kaum etwas bemerken davon. Einerseits natürlich gut. Andererseits macht es mich traurig. Von der Geburt an sich hab ich, trotz aller Aufklärung nur eine völlig abstrakte Vorstellung. Aber das würde mir auch bei einer normalen Geburt so gehen, da bin ich mir sicher. 

Wir möchten an dieser Stelle (und bestimmt noch an einigen mehr!) mal ein riesiges Dankeschön aussprechen, an alle die uns unterstützen! Sei es mental, durch Katzensitting, aber auch finanziell! Wir erfahren hier eine so enorme Hilfsbereitschaft, dass wir einfach völlig platt sind. Habt vielen Dank dafür! 

Freitag, 14. August 2015

Irgendwo zwischen Trauer und Hoffnung.

Wir erfahren gerade eine unheimlich große Anteilnahme. Ich bekomme täglich viele Nachrichten, voll mit lieben Worten, aber auch mit Sprachlosigkeit, mit dem Angebot zu helfen, wie und wo man kann. Nein, im Moment hilft irgendwie nichts davon, das ist richtig. Aber es rührt uns sehr und hinterlässt ein warmes Gefühl bei uns und dafür sind wir sehr dankbar!

Ich wurde jetzt ziemlich häufig gefragt, woher wir die Kraft nehmen. Ich kann es mir selbst nicht erklären, habe ich mich selbst doch immer als eher negativen, ängstlichen Menschen gesehen. Aber dieser kleine Junge in mir hat so viel verändert, wir sind stark für ihn. Wie das sein wird, wenn er nicht mehr da ist, ob mit ihm auch die Stärke in mir geht, das weiß ich nicht. 

Seit gestern wissen wir nun, wann die Geburt stattfinden soll. Gleich am Montag schon müssen wir nach Leipzig. Es wird nochmal ein kurzer Ultraschall gemacht, Vorgespräche geführt, Schriftkram erledigt und danach werden wir in die Klinik gehen, wo am Dienstag früh "der Eingriff" (ja, wie nennt man das Schreckliche, die alles entscheidende Spritze?) gemacht wird. Danach wird die Geburt eingeleitet. Ich habe einiges zum Thema stille Geburt gelesen, viel konnte ich nicht lesen, es hat mir jedes Mal das Herz gebrochen. Ich kann mir das Ganze immer noch nicht vorstellen, wahrscheinlich egal, wie viele Berichte ich noch lese. Die Familientherapeutin in Leipzig nimmt uns zum Glück einiges ab, sie sorgt unter anderem dafür, dass wir ein Familienzimmer bekommen, dass der Kleine noch im Krankenhaus getauft werden kann usw.

In einer Woche werden wir wieder zu Hause sein. Ohne ihn. Ich weiß jetzt schon, dass er die größte Lücke in unserem Leben hinterlässt, obwohl er der Kleinste von uns allen ist. Dann will die Beerdigung organisiert sein. Wir haben schon viel darüber gesprochen, geweint über den Gedanken, dass es die Beerdigung unseres Sohnes ist, über die wir sprechen. Für mich sind Beerdigungen immer etwas Schweres, Erdrückendes. Ich möchte nicht, dass diese Beerdigung auch so wird. Sie soll, bei aller Trauer, etwas leichtes, lebensbejahendes haben. Aber ja, vielleicht sehe ich das nach der kommenden Woche auch wieder ganz anders.